Reise nach Anderswo

Reisen heißt für mich nicht: irgendwo ankommen, sondern aufbrechen, den Tag sich öffnen lassen mit einer Fülle schöner Momente, seinen Düften, seiner Würze, seinen Augenschmeicheleien. Es bedeutet das Unerwartete der nächsten Begegnung, das nie vollständig gestillte Verlangen, immer wieder Neues zu berühren, die unendliche Neugier, die Vielfältigkeit von Mensch und die Facetten schöner Landschaften mit der wirklichen Welt zu vergleichen. Es bedeutet morgen und immer wieder morgen, anstatt dem Gestern zu verfallen. 

Aus allen meinen Reiseberichten entspringt der Wunsch, den großen Metropolen und deren gequält-lautem Gewimmel zu entfliehen, und die Sehnsucht nach einem gemütlich-genüsslichen, kunterbunten Anderswo, das hell und freundlich, duftend und lebensfroh ist.

Den Rucksack packen und fortgehen, Zuhause und Gewohnheiten wechseln, für ein paar Tage oder gar Wochen den Alltag verlassen, auf die Pfalz, auf Rheinhessen, auf den Bodensee und die Nordsee einlassen, von Meereswellen gewiegt werden oder sich von den Winden der Provence forttragen lassen. Frei umhertreiben, die Sonne über dem Schwarzwald oder dem Meer untergehen sehen, unbekannte Geräusche empfangen und in fremde Gesichter blicken, den Vögeln in die blaue Ferne folgen.

Fernab vom Gewimmelbum, von Menschenmengen, der Souvenirkitschigkeit und der Standardisierung des Reisens möchte ich mich einlassen auf ruhig-sanfte Lebensfreunde, geschützte und teils unberührte Landschaften. Möchte mich einlassen auf eine wirkliche Loslösung vom klirrig-sperrigen Alltag, vom ständig-blickenden Smartphone und der ewigen WhatsApp-Bereitschaft: Echtes Reisen also! Fortgehen, um fortzugehen, und reisen, um zu reisen.

Und… der Geist des Reisens lebt in jedem von uns

Oft nur als Wunsch, sich abseits im Diesseits fernab von ausgetretenen Pfaden oder aufgedrängten Routen zu entfernen und wieder Authentisch-ehrliches zu finden. Häufig genügt es bereits, früh aufzustehen oder den Ort zu wechseln. Wichtig ist nur, alles mit tiefen Atem und offenen Augen zu betrachten. Lust und Genuss zu verspüren nach Überraschung und Erstaunen und der Sehnsucht, sich forttragen und verführen zu lassen. Den Geist des Reisens in uns aufzunehmen … ist die Kunst. 

In der Pfalz kommt die Tradition auf dem Tisch

dekoratives Element

Für einen echten Pfälzer ist der Umgang mit Messer und Gabel, also das „Schnabulieren“, wie man früher sagte, mehr als schnöde Nahrungsaufnahme. In der Pfalz lebt man leibhaftig gern gesellig bei Wein, Worscht und Brot, denn Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Ohnehin bekennt man in der Pfalz ungeniert: „Wie man isst, so schafft man“. Deftig-ungehemmt zugreifen ist Ehrensache, auch wenn der ideale Body-Mass-Index dabei ein wenig aus den Fugen gerät.  

In der Pfalz sind Deftig-würziges, aber auch mal süße Mehlspeisen kulinarisches Programm. Auch wenn ein Teil der Landeskinder fahnenflüchtig geworden ist und aus Bequemlichkeit auch gern zur Tiefkühlpizza greift, schwört der große Rest noch immer auf deftige Hausmannskost. Auch beweist der kulinarisch-gebildete Pfälzer, dass er Zunge, Gaumen und Geschmacksknospen weitergebildet hat. Das Pilgern in die Gourmetparadiese Elsass, Baden und Württemberg ist verflacht, denn in der Pfalz wird mittlerweile großes Kulinariktheater geboten. Mittlerweile sind die kulinarischen Welten in der Pfalz so vielfältig wie auch bunt, und den Künsten am Herd sind keine Grenzen mehr gesetzt. Gern entführt man auch Rezepte aus dem nahen Elsass und peppt es pfälzisch auf. Flammkuchen, Grobe Bratwürste, Pfälzer Leberwurst und Grieweworscht sowie Lewwerknepp oder Flääschknepp werden mit Finesse und typischen Kräutern verfeinert.

Das bekannteste Pfälzer Gericht ist der Saumagen oder „Saumache“. Ein gereinigter Schweinemagen dient einer Mischung aus magerem Schweinefleisch, Bratwurstbrät, Kartoffeln und evtl. Zwiebeln oder Kastanien als Hülle. Ja… typisch Pfalz gibt es auch hier zahlreiche Variationen, ein richtig oder falsch gibt es nicht, solange die Verhältnisse stimmen. Sauerkraut ist die typische Beilage, passt immer und nahezu zu allem. In den Hütten und Weinstuben steht oft der Schiefe Sack oder Pfälzer Teller auf der Karte, beides sind Kombinationen aus einer Bratwurst, einem Leberknödel mit Kraut und Brot. Beim Pfälzer Teller wird zudem noch eine Scheibe angebratener Saumagen serviert.

Und…ein vollmundiger Klassiker ist und bleibt bis Gott aus dem Himmel fällt die Pälzer Hawwedampfnudle, Hawwedambnudel oder auch Dampfknepp.  Zu dieser deftigen und leckeren Hausmannskost nach „Oma’s Art„ passen eingemachtes Obst, Obstsuppe, Kartoffelsuppe, Wein- und Vanillesoße gleichermaßen gut. Die beliebteste Beilage zur Dampfnudel ist aber eindeutig die Weinsoße (Woisoß’). Als Hauptgericht wird zuvor eine Kartoffelsuppe (Grumbeersupp‘) oder Gemüsesuppe gereicht.

 

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Foto: Ralf Ziegler Deutschen Weinstraße e.V. ´

In meinen „Kulinarischen Notizen“ und auf in „Lust auf Weingut“ beschreibe ich gern jene kulinarischen Stätten, die ein wirkliches Einkehrvergnügen bereiten. Hier steht nicht nur der Wein im Vordergrund, sondern auch die leidenschaftliche Kochkunst. Meist stelle ich bei meinen kulinarischen Begegnungen in der Pfalz fest, dass die Vertrauenswürdigkeit steigt, wenn Einheimische (und nicht nur der Wirt) solche Einrichtungen mit einem breit-stolzen Lächeln adeln.

Sommelier & Weinkreateur Arnold Nölly und Wein aus dem Ammertal

Wenn der leichte Nebelschleier am Morgen den ersten Sonnenstrahlen die Bühne überlässt und die sanften Hänge ihre Hände öffnen, dann haben die beschaulichen, teils schroffen, Weingärten im Ammertal ihren schönsten Auftritt.
Hier ist es nicht hässlich, auch nicht gewöhnlich und ganz weit weg laut. Aber schroff, auch mal launisch und ganz sicher verdammt authentisch und traumhaft schön.

Das Ammertal, das kleinste Anbaugebiet in Württemberg, schmiegt sich von Rottenburg über Unterjesingen bis knapp vor Metzingen in idyllische Berg- und Waldlandschaften ein und lässt die Welt so gern gottgnädig sein. Sie ist stets und zu jeder Zeit eine Reise wert.

Im 15. Jahrhundert war das Ammertal eine reiche Weinbauregion mit 400 Hektar. Zur Gründungsfeier der Universität Tübingen im Jahr 1477 wählte der württembergische Graf Eberhard im Bart beste Weine aus dem Ammertal. Die Realteilung, sowie unbezwingbare Rebkrankheiten führten zum Niedergang des Weinbaus im Ammertal. Statt Wein wurden an den terrassierten Hängen des Schönbuchtraufes verschiedene Obstsorten angepflanzt, Doch seit wenigen Jahren lebt er wieder, der Geist der guten Weine im Ammertal. Verrückt-idealistische Kleinwinzer wie der Sommelier und Mitinhaber des Hotels Hasen, Arnold Nölly oder die Unterjesinger Winzer und Obstbauer Richard & Christine Müller.
Arnold Nölly ist ein wahrer Weinliebhaber. Diplomierter Sommelier und liebenswerter Gastgeber im Herrenberger Hotel Hasen. Während sein Bruder Gerhard seine Leidenschaft und Kreativität am Herd auslebt und so manchem Gast kulinarische Feinheiten in deren Sinne zaubert, sucht Arnold die körperlichen und auch geistigen Herausforderungen im Weinberg. Hier ist es sorgenfrei und ohrenbetäubend leise. Hier ist Geborgenheit und Inspiration für Neues. Souvignier Gries, und die fast vergessene Rebsorte Johanniter sind seine Leidenschaft. Johanniter kommen kräftig, fruchtig daher und haben Ähnlichkeiten mit Riesling. Hingegen der Souvignier Gries eine 1983 neue gezüchtete Piwi-Weißweinsorte ist, deren Eigenschaften es ermöglichen auch in niederschlagsreicheren Weinbaugebieten die Anzahl von Pflanzenschutzmaßnahmen zu reduzieren, denn nichts verteufelt Nölly mehr, als Chemie im Weinberg.
Und im Weinkeller? Hier, im tiefen Gewölbe, des Hotels Hasen lagern die „Besten“ aus dem Ammertal zwischen 130 verschiedenen Weinen aus großen Lagen Deutschlands und der Welt. Und kaum ist das Jahr vorbei, sind die wenige hundert Flaschen aus den eigenen Weinlagen ausgetrunken. Mir hat Nöllys Eigenkreation, ein 2018 Hasen Rotling, Burg Müneck Steillage, ein Rosé-Cuvee aus Kerner, Spätburgunder und Schwarzriesling, die Sinne verdreht und mich den Tag sanft ausklingen lassen.
Mal so ganz unbedeutend nebenbei erwähnt: Hier in die tiefen des Hasens ist Arnold der Hausherr und Kellermeister. Seine erstklassige Ausbildung an der der Dualen Hochschule in Ravensburg schloss er als „Bachelor of Arts in Hotel Management“ ab. Es folgte die Ausbildung zum Sommelier in Heidelberg gepaart mit reichlich Fachpraxis auf dem Staatsweingut Meersburg. Rasch wird erkennbar, Arnold versteht die Sensibilität seiner Handwerkskunst und fügt sie ein in sein Leben. Mit guten Gedanken und der freundlichen Ansprache trägt er als Sommelier dazu bei, dass dem Gast das Ammental schmeckt.

Arnold Nölly / Hotel Hasen / Hasenplatz 6, 71083 Herrenberg  / 07032 2040

https://www.hasen.de