„Gans“genüsslich durch die kulinarische Pfalz 

Oh Schreck … Den Gänsen geht es an den Kragen! Aus ähnlichen Gründen ist, einer Legende folgend, der heilige Martin im Jahr 372 geflüchtet, denn er wollte weder zum Bischof noch dem Topf geweiht werden. Seine Flucht endete im Gänsestall. Hier versteckte er sich vor seinen Verfolgern, was bei dessen Bewohnern eine schnatternde Krise auslöste und somit den heiligen Martin ertappen ließ und demzufolge eine heftige Kirchenkrise auslöste. Vielen Köchen ist diese Legende heilig, denn sie macht ihnen die Hütte voll und lässt diese, ganz weit weg von Krisen, glänzen.

Tatsächlich endete jedoch im Mittelalter zu Martini, rund um den 11. November, das Wirtschaftsjahr. Das Gesinde bekam seine Löhne ausgezahlt und der Hauptzins an die Landbesitzer wurde fällig. Zu Martini wurde auch jenes Vieh geschlachtet, welches aus wirtschaftlichen Gründen nicht den Winter hindurch gefüttert werden konnte. So fanden sich die fetten Gänse ganz schnell im Ofen und im Topf wieder und mancher Lohn im Rock des Wirtes.

Noch heute belohnen wir uns, der katholischen Tradition folgend, allzu gern mit einer Martinsgans für unsere Leistungen des Jahres und genießen hierzu den besten Wein. Tiefsinnig-kulinarisch betrachtet sollte der Vogel bereits in jungen Monaten geschlachtet werden, denn bereits ab dem vierten Monat wird ihr Fleisch faserig und trocken. Genussklassisch wird in Deutschland die Gans knusprig gebraten und mit Rotkohl und selbst gemachten Klößen bereichert. Dazu ein prächtig-molliger Touch Fond, welcher aus der zerhackten Keule mit Zwiebeln und etwas Rosmarin dunkel geschmort und mit ein wenig Rotwein abgelöscht wird. Bei meiner gänzlichen Entdeckungsreise entlang der Weinstraße habe ich in mancherlei Töpfe geschaut und vielfältige Zubereitungsvarianten entdeckt.

Gans gnädig im Weinhaus Henninger in Kallstadt

Während sich draußen der Novembernebel wie grau-weißer Tüll in die Gassen legt und den Straßenlaternen ihre Kräfte nimmt, wird in der wohlig-warmen Stube im Weinhaus Henninger gemütlich geplaudert und kräftig mit den Genüssen jongliert. Dazu eine satte Portion Servicefreundlichkeit und eine liebenswerte Willkommenskultur. Probleme gibt es hier nicht: Es gibt liebenswerte Aufgaben und unverzügliche Lösungen. Chefkoch Tommy Walter gehört zu der Kategorie „leise, gelassen, aber aussagekräftig“ mit einem Touch ehrlicher Bodenhaftung. Sinniert und zelebriert er eine genüssliche Wildküche.  Auch in Sachen Gans: Die Vorspeise: ein hausgemachtes Gänserillettes nach Pariser Art oder doch lieber die würzig gebratene Gänsemaultasche mit Maronenpüree und Kürbis? Beides bietet eine gute Basis für die Hauptattraktion Gans, welche auf dem Teller herrlich platziert Augen und Nase begeistert. Die geschmorte Freilandgans aus der Region ist geradezu eine Schönheit, welche sich hier mit Apfelrotkraut, Kartoffelknödeln und Kastanien umgibt. Das saftig-frische Fleisch schmeckt herzhaft und würzig und wird mit feinen Nuancen von Gewürzen wie Beifuß, Rosmarin, Majoran und Salz umschmeichelt. So soll… ja muss eine edle Gans schmecken.

Auch in Sachen Wein bietet das Weinhaus Henniger eine herrliche Weinauswahl und somit auch den auch einen entsprechenden Wein zur Gans. Die Gans hat dunkles Fleisch und reichlich Fett am Leib, daher ist ein gehaltvoller, kräftiger, trockener Spätburgunder, dessen Säure gut mit dem fetten Fleisch harmoniert, zu empfehlen. Doch es muss nicht unbedingt Rotwein sein. Je deftiger das ganze Gericht, desto mehr Würze darf der Wein haben. Je feiner die Abstimmung und milder die Aromen in Sauce und Zutaten, desto eleganter der Wein, egal ob weiß oder rot.

Ein charmanter Begleiter für die Gans ist ein 2022er Cuvée Halbstück vom Weingut Emil Bauer aus Cabernet Sauvignon und Merlot und Barbera, welcher mit kräftigem Rotton und violetten Reflexen wunderbar im Glas liegt. Seine Noten von reifen Brombeeren und etwas frischem Holunder gefallen in der Nase wie auch am Gaumen. Einfach und doch so genussheimelig. Die Kombi war ein wundervoller Seelenschmeichler.

Ach ja … das Rilette! Wie gern erinnere ich mich an die Kochkünste meiner Mutter. Hier war häufig Gänseschmalz im Einsatz. Mal pur und gern nach Weihnachten als deftiger Brotaufstrich. Nicht ohne Grund wird das reichlich vorhandene Fett der Gans auch gern als „Olivenöl der tierischen Fette“ bezeichnet und ist daher in vielen Küchen das Nonplusultra, das ideal-perfekte Bratfett mit ganz vielen geschmacklichen und auch gesundheitlichen Vorzügen. Insbesondere in der Gemüseküche ist es das Gänseschmalz, dessen Geschmack dem Gemüse die sanft-schmelzige Note verleiht.

Gansfamos im Deidesheimer Hof in Deidesheim

Die große Vielfalt für Gesundheit und Gaumen direkt aus der Natur und frisch auf den Tisch – das hat Küchenchef Christian Seidel und sein Team im idyllischen Renaissance-Herrenhaus zur Aufgabe für seine Gäste gemacht. Dass in der Weinstube SANKT URBAN vorzüglich gekocht wird, wusste bereits seit Generationen der Pfälzer Landadel. Seidel zeigt nicht nur dem Landadel der Pfalz, wie gütlich-genüsslich gekocht wird, sondern auch allerlei Genussjüngern, welche täglich mittags wie auch abends hierher pilgern. Hier serviert man mit Leidenschaft und Servicefreude authentische und sehr schmackhafte Pfälzer Landhausküche mit besten Produkten aus besten regionalen und saisonalen Zutaten und nach klassischen Rezepten.

Ein wundervoller Platz in der ungezwungenen Atmosphäre und dem geschmackvollen, ursprünglichen Ambiente des Restaurants ist jener vorm historischen Kachelofen. Und wenn es die Sonne besonders gut meint, dann sollte man unbedingt auf der herrlichen Terrasse auf dem Marktplatz die vorzügliche Küche genießen. Einen Ticken anders bereitet Christian Seidel die Gans zu. Als Einleitung in den großen Gang darf es ein kleiner gebackener Gänsestrudel mit Karotten-Weißkrautsalat, Haselnüssen und rotem Chicorée sein. Während im Mittelalter noch über Brust oder Keule gestritten wurde, kommen sie hier gemeinsam auf den Teller. Dazu fein justiert Apfel-Rotkohl, vorzügliches Kastaniengemüse, gefüllte Kartoffelknödel und eine sehr feine Beifußsauce. Dazu gesellt sich der im Holzfass gereifte „2018 Spätburgunder“ vom Bio-Weingut Fußer aus Niederkirchen. Duft nach Kirschen und Röstaromen sowie altem Holz, welche sehr gut neben der Würze integriert sind. Am Gaumen ist der Spätburgunder sehr ausgewogen mit einem feinkörnigen Tannin und einer mittelkräftigen Säure. Ein Wein also, welcher Also gansfamos die Gans krönt.

Es sind Sinnesprünge, die sich mit dieser Komposition bei mir einstellen. Ja! Seidel versteht es, den Gast zu irritieren und dennoch zu begeistern.

Ganz gewaltig im Restaurant Adams in Pleisweiler-Oberhofen.

Die kräftige Herbstsonne lässt ihre Muskeln spielen und schiebt die fett-grauen Wolken einfach mal beiseite. So gelingt mir noch vor Sonnenuntergang ein Blick auf Pleisweiler-Oberhofen, in dessen Mitte das historisch-denkmalgeschützte Anwesen vom Gassengeschlängel wie gefangen wirkt. Völlig entspannt, gepaart mit einem sehr sensiblen Gespür für feinste Köstlichkeiten der Region, zaubert Chefkoch Arnold Lörincz allerlei bunte Genussfächer in mancherlei Sinne.

Arnold Lörincz lässt mir die Genussfreude bereits bei der Vorspeise mit einer prächtig-aromatischen Kürbiscrèmesuppe mit steirischem Kernöl. Klar! Der Geschmack steckt ja häufig im Detail und dabei versteht Adam ganz viel Spaß und Lebensfreude. Bei der Hauptspeise gewinnt er mit einer röstig-knusprig gegrillten Gänsebrust und -keule aus dem Ofen, umschmeichelt mit Bratapfel und feinstem Rotkraut, eschde Keschde vun de Palz und Kartoffelknödel, mit viel Handgeschick geformt. Es fällt besonders auf, dass der Bratapfel der Gans und deren ureigenem Geschmack nicht ins Gehege kommt, sondern die Aromenvielfalt auf dem Teller angenehm bereichert. Die Gans ist verzehrt, der Wein geleert … so folgt der finale Genuss: Zweierlei Sorbets auf Winzersekt Ja, es sind viele Glücksgefühle, die auf dem Teller in Szene gesetzt sind, und es sind ganz viele Genussmomente, die der Gast gerne in seinen Erinnerungen parkt.

Eine Bereicherung im Service und im Management ist zweifelsohne seine Frau Martina. Ihr gelingt, was vielen ihrer Kollegen selten … ja, fast nie gelingt. Sie umschmeichelt den Gast mit ganz viel Herzlichkeit und setzt punktgenau all jene Wünsche um. Hier ist es eine liebenswerte Kunst, den Gast in seiner Gesamtheit zu erfassen und seine Wünsche als gegebene Selbstverständlichkeit zu würdigen.

Eine herrliche Selbstverständlichkeit zur Gans bringt der 2022 Schlossberg Frühburgunder Rotwein vom Weingut Wilker ins aromatische Gänsespiel.  Die Nase wird bereichert von Noten nach Kakao & Brombeere, Tabak & Leder, Kaffee & Röstaromen. Einen bedeutenden Anteil an dieser Geschmacksvielfalt haben die Barrique-Fässchen, in welchen er 12 Monate lagerte.

Apropos Aromatik: Das aromatische Fleisch der Gans verträgt keine ruppigen, jungen Tannine oder Weine mit starkem Barrique-Geschmack. Weine, deren Frucht im Vordergrund steht, bilden eine wunderbare Ergänzung und sind deshalb auch charmante Weinbegleiter zur Gans. Es sollte aber keine bissige Säure von jungen, unreifen Weinen sein. Mein Tipp zum Abschluss: 2020 Cuvée Josef Barrique, vom Weingut Stern in Hochstadt, mit 5,1 g/l Säure. Das fette Rot im Glas, sein hochkomplexes Bukett aus reifen Pflaumen, Kirschen und Waldbeeren, gepaart mit einer dezenten Röstaromatik, Kaffee und würzigen Anklängen, machen geradezu schwach. Im Mund bereitet er mit weichen, aber kräftig wirkenden Gerbstoffen den idealen „roten Teppich“ für die Gans.